
Hochbegabung und / oder Hochsensibel
Gehört zur Hochbegabung die Eigenschaft der Hochsensibilität dazu oder sind es zwei verschiedene Eigenschaften, die unabhängig voneinander sind?
Andrea Brackmann schreibt in ihrem Buch “hochbegabt und hochsensibel”, dass diese beiden Eigenschaften zusammengehören. Allerdings kennt jeder von uns hochbegabte Menschen, denen man das Label hochsensibel nicht unbedingt anheften möchte. Hinzu kommt, dass in der Literatur von 20% Hochsensiblen gesprochen wird. Bei den Hochbegabten kommt man auch bei gutem Willen nur auf 2.38% (dank Gauß’scher Glockenkurve). Das alleine passt schon nicht zusammen. Die nächste Frage ist, wie viele hochbegabte Menschen denn nun zu den hochsensiblen Menschen gezählt werden. Oder ist der Anteil der hochsensiblen bei den Hochbegabten auch bei 20%?
Fehlende Forschungen und Ergebnisse
Die Wissenschaft nähert sich seit ein paar Jahrzehnten dem Thema Hochbegabung. Hochsensibilität ist dagegen noch gänzlich unerforscht. Entsprechend liegen kaum / keine Ergebnisse vor. Das Wissen darüber befindet sich in den Kinderschuhen.
Deshalb ist alles, was ich hier aufschreibe, meine persönliche Meinung, die ich nicht wissenschaftlich untermauern kann. Was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Denn in diesem Fall ist es so, dass auf Erfahrungsberichte zurück gegriffen wird, was in manchen Fällen sogar aussagekräftiger ist, als so manche Statistik oder so manches Forschungsergebnis.
“versteckte” oder “unterdrückte” Hochsensibilität
Aus eigener Erfahrung und aus vielen Gesprächen mit Betroffenen kann ich sagen, dass sich eine Hochsensibilität “verstecken” kann oder anders: Hochsensibilität kann unterdrückt werden.
Es ist genauso wie bei der Hochbegabung. Auch diese muss erlernt werden. Der Umgang mit ihr, das Leben mit ihr, das Verständnis, alles muss erlernt werden. Hier hilft es natürlich, wenn im näheren Umfeld Erfahrungen mit diesem Thema vorliegen. Hochbegabung wird vorgelebt und Kinder schauen – wie bei allen anderen Themen – auf die Bezugspersonen. Wird eine Hochbegabung nicht gefördert und gefordert, wird ein hochbegabter Mensch unter Umständen nicht entdeckt, was dazu führen kann, dass dieser Mensch mit seiner Andersartigkeit täglich aneckt, sich zurückzieht oder sich selbst gar verleumdet.
Ich wusste von meiner Hochbegabung nichts bis zum Testergebnis. Im Gegenteil, ich ging davon aus, dass ich eher nicht hochbegabt bin. Zuviele Dinge konnte ich nicht, leichte Tätigkeiten verursachten mir im Vergleich mit anderen Schwierigkeiten und meine “Fähigkeiten” konnte keiner Einordnung, wurde es doch nicht verstanden. Die Hochbegabung kam also aus dem Nichts zu mir und ließ sich nicht mehr abschütteln.
Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Hochbegabung, konnte ich mir vieles erklären, viele Fragen konnte ich beantworten, aber es kamen immer mehr Fragen hinzu. Besonders im Bereich der Wahrnehmen und des Fühlens. Im Bereich des Denkens fand ich Antworten und das Konstrukt wurde für mich schlüssig. Aber die Bereiche Wahrnehmen und Fühlen blieben mir ein Rätsel, welches ich nicht mit der Hochbegabung erklären konnte.
- Woher kam die Fähigkeit Dinge zu spüren, die sonst keiner spürte?
- Wieso konnte ich Gefühle von anderen Menschen spüren, aber nicht die eigenen?
- Wie konnte es sein, dass ich meine Gefühle zusammen mit der Hochbegabung wegsperren konnte?
- Woher kamen plötzlich Wahrnehmungen, die ich nicht kannte?
Hochsensibilität entwickelte sich
Mit der Erkenntnis, dass ich hochbegabt sei, fing ein neuer Lebensabschnitt an. Wie im Buch beschrieben fing eine Phase an, in der alles auf den Prüfstand kam. Alles wurde hinterfragt und ich versuchte herauszufinden, wer ich denn nun sei. Die Frage “Wer bin ich?” sollte mich die ganzen Jahre begleiten und ich behaupte, dass ich es immer noch nicht endgültig sagen kann. Ich weiß mehr über mich, ich habe mich ein Stück weit kennengelernt, aber ich weiß immer noch nicht, wer ich bin. Der Weg zu mir selbst ist ein weiter, aber ich gehe tapfer weiter.
Auf dem Weg zu mir selbst, entdecke ich täglich neues an mir. Neue Gefühle, Emotionen, Wahrnehmungen, Interessen und Talente. Natürlich lerne ich auch immer mehr Schattenseiten, Ängste, Schmerzen, Verletzungen, Zweifel und Sorgen kennen. Das gehört zu einem Leben dazu. Dieser Mix macht ein Leben ja erst lebenswert.
Gefühl versus rationalem Denken
Der Weg beinhaltet auch, dass sich eine nicht gekannte Hochsensibilität äußerte. Im Grunde war ich früher immer stolz, dass ich rational mit Problemen umgehen konnte. War ich doch immer im Vorteil gegenüber anderen, die erst durch ein Tal der Gefühle gingen. Wenn andere sich aufmachten den Berg zu erklimmen, wartete ich bereits auf der Spitze und konnte neuen Taten entgegensehen. Probleme sachlich und rational, sprich ohne Gefühle oder böse ohne Gefühlsduseleien anzugehen, verschafft einen Vorsprung. Diesen lernte ich in der Vergangenheit für mich zu nutzen.
Auf der anderen Seite war es aber auch unvermeidlich, dass der rationale Kopf die Führung übernahm. Ich hatte niemals gelernt mit meinen Gefühlen oder meinen Emotionen umzugehen, sie zu benennen oder sie auszuhalten. Aus diesem Grunde wurden diese unterdrückt und stattdessen wurde das rationale Denken forciert. Es gibt genügend Motivationstechniken, die jeden Menschen in bestimmten Situationen helfen. Diese zu 100% angewandt ergibt ein Leben ohne Gefühle, ohne Emotionen, sondern mit Zielen, Strukturen und Konstruktionen. Sich ablenken, wenn die Ruhe nicht ausgehalten werden kann. Für einen Menschen, der an fast allem interessiert ist, den vieles fesselt, der gerne denkt und gerne knobelt, die einfachste Sache der Welt. Schwierig wird es erst, wenn dieses nun wieder rückgängig gemacht werden soll.
Gefühle zulassen, wahrnehmen und benennen
Auf meinem Weg stand ich vor der Herausforderung meine Gefühle wieder zuzulassen, diese wahrzunehmen, um sie benennen zu können. Je mehr ich diese zulassen konnte, je mehr ich mich mit ihnen auseinandersetzte, umso mutiger wurde weitere Gefühle, die sich äußerten.
Das Arbeiten an mir deckte langsam, aber sicher, die Hochsensibilität auf. Was nicht ausschließlich zu meiner Freude war. Denn nun musste ich lernen mit meinen Gefühlen umzugehen und zusätzlich, dass ich nicht so abgehärtet war, wie ich dachte. Denn die Sinne liefen mittlerweile auf Hochtouren und vermittelten mir immer Neues, was es galt einzuordnen.
Hochbegabt und hochsensibel
Hätte ich vor ein paar Jahren noch gesagt, dass ich nicht empfindlich oder sensibel sei, muss ich das heute revidieren. Früher galt für mich NICHT hochbegabt und NICHT hochsensibel und das änderte sich nun zu hochbegabt und hochsensibel.
Da ich bei mir und auch in Gesprächen mit vielen anderen Menschen dieses Phänomen feststellen konnte, sehe ich alle Menschen, die mir im ersten Moment unsensibel oder grob erscheinen in einem ganz anderen Licht. Wer weiß, ob dieser Mensch nicht auch einfach mit seinen Gefühlen und Wahrnehmungen nicht klarkommt und diese deshalb unterdrückt. Denn wer bestimmte Eigenschaften an sich unterdrückt, der entwickelt eine Abneigung gegen diese Dinge und gibt sich oftmals sehr aggressiv.
Nicht umsonst heißt es, dass ein Mensch nur dann sehr emotional reagiert, wenn es eine nicht gewollte Schattenseite von diesem Menschen ist. Also als Schutz vor sich selbst, werden andere Menschen (verbal) attackiert.
Abschließend behaupte ich, dass hochbegabt und hochsensibel zusammengehört und eine Einheit ergeben. Allerdings kann es sein, dass bestimmte Eigenschaften unterdrückt werden, weil nicht gelernt wurde mit ihnen umzugehen. Hier wünsche ich jedem, dass der eigene Weg gefunden wird.