Kapitel 1.2.
1. Rund um den IQ-Test – ein Erfahrungsbericht
1.2. Eine Zahl – und nichts ist mehr, wie es war
Nachdem sich ihre Aufregung gelegt hatte, ging sie rational an alle offenen Punkte heran. Sie überlegte, wieso sie überhaupt einen Test gemacht hatte – schließlich glaubte sie zuvor nicht, dass sie hochbegabt sein könnte. Warum hatte sie es riskiert, womöglich zu erfahren, dass sie einen unterirdischen IQ besaß? Niemand hatte sie entdeckt, und ihr wurde auch nicht geraten, einen Test zu absolvieren, sondern sie spürte einen regelrechten Zwang, diesen Test durchzuführen.
Während ihrer Tätigkeit als Matheärztin in ihrem Lerninstitut hatte sie Möglichkeiten gesucht, die Schüler bestmöglich zu fördern. Sie erarbeitete einen Mathematik-Kurs für “kluge Köpfe”. Hier sollten sich alle Interessierten, Begabten, Intelligenten und auch Hochbegabten austoben können, sie wollte keinen ausgrenzen, jeder sollte teilnehmen dürfen. Sie selbst hätte in ihrer Schulzeit gern Zusatzaufgaben bekommen, diese waren aber den “guten” Schülern vorbehalten. Die Enttäuschung über diese Ausgrenzung wollte sie nicht weitergeben. Deshalb fasste sie die Zielgruppe für ihr Angebot so weit wie möglich. Sie ging davon aus, dass Interessierte das Potenzial hatten, sonst würden sie nicht freiwillig in ihrer Freizeit an einem Mathe-Kurs teilnehmen.
Sie kannte sich mit dem Thema Hochbegabung nicht aus und dachte, dass sie Hochbegabte nicht mochte – obwohl sie keine kannte. In ihrer Kindheit hatte sie mitbekommen, dass über Eltern von hochbegabten Schülern geschimpft wurde – diese Eltern wären zu ehrgeizig, und den Kindern würde die Kindheit genommen. Hochbegabte Kinder, die Klassen übersprangen, wurden bedauert, weil sie sich in der neuen Klasse zurechtfinden mussten und weil daraus eine Belastung entstünde – sie wären nur noch am Lernen und hätten keine Freizeit mehr. Grauenvoll sei das, so wurde es ihr beigebracht. Es wurde gar nicht in Erwägung gezogen, dass der Ehrgeiz nicht von den Eltern, sondern von den Kindern ausgehen könnte und dass diese sich freuten, wenn sie gefordert wurden.
Eltern, die ihrem Kind die Möglichkeit boten, sich in Kursen und Seminaren zu informieren, die für ältere Kinder gedacht waren, kamen schlecht weg. Gleich, in welchem Zusammenhang sie auf Hochbegabung traf, die Hochbegabung hatte immer einen negativen Beigeschmack. Hinzu kam bei ihr der Neid auf Schüler, die gefördert wurden. So liebte sie Mathematik, und als sie mitbekam, dass ein Schüler von ihrem Lieblingslehrer für zu Hause Extraaufgaben bekam, wollte sie sich auch daran versuchen. Der Lehrer sagte ihr, dass sie dafür nicht gut genug wäre. Der andere Schüler hätte gute Noten und bräuchte die Aufgaben, und sie wären nicht für alle gedacht. So lernte sie in der Schule, dass sie nicht gut genug war.
Sie informierte sich also vor Beginn des Kurses umfassend und las sämtliche Texte zum Thema hochbegabte Kinder und Jugendliche. Als sie damit begann, spürte sie, dass sich ihr Bauch einschaltete. Jedes Mal, wenn sie ein Buch oder eine Broschüre nahm, hatte sie ein unbehagliches Gefühl. Beim Lesen spulten sich Szenen aus ihrer Kindheit und Schulzeit ab, diese Bilder kannte sie nicht und sie wunderte sich, woher sie kamen.
Dieses Thema beschäftigte sie sehr. Aber sie wäre damals nicht darauf gekommen, dass sie hochbegabt sein könnte. Eigene Probleme und Anpassungsschwierigkeiten erklärte sie sich damit, dass diese nicht explizit bei Hochbegabten auftraten, sondern auch bei normal begabten Kindern vorkommen konnten. Das Thema Hochbegabung ließ sie nicht los. Sie vereinbarte Treffen mit Hochbegabtenvereinen und fühlte sich zugehörig. Als sie dieses Gefühl ansprach, wurde ihr gesagt, dass sich nur hochbegabte Menschen mit dieser Thematik auseinandersetzen würden. Diesen Witz fand sie gut.
Das Thema hatte eine Sogwirkung. Je mehr sie las und je mehr sie wusste, desto mehr wollte sie in Erfahrung bringen. Ihr wurde bewusst, dass sie diesem Thema viel mehr Platz einräumte als ursprünglich geplant. Sie suchte nach Aufgaben für Hochbegabte und überlegte, wie sie diese Schüler unterrichten würde. Das Projekt “Kluge Köpfe” musste dann jedoch ein Jahr lang ruhen, und damit war auch das Thema Hochbegabung beiseitegelegt. Zufällig wurde sie nach dieser Zeit auf eine Website für hochbegabte Erwachsene aufmerksam. Tagelang las sie Erfahrungsberichte und saß dabei heulend vor dem Monitor. Natürlich trafen die dort geschilderten Erlebnisse nicht 1:1 auf sie zu, aber das Ausgeschlossensein, die vergebliche Mühe des Anpassens, so vieles kam ihr vertraut vor. Die Albträume kamen zurück, und psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen und Schweißausbrüche machten sich bemerkbar. Konnte da ein Zusammenhang sein? Sie gab sich geschlagen und absolvierte einen Intelligenztest.
Sie wollte einen Test mit einem persönlichen Gespräch, nicht nur mit schriftlicher Auswertung. Sie hatte Bedenken, bei dem Test nicht gut abzuschneiden, schließlich war sie in der Schule immer schlecht gewesen. Außerdem zeigte sich eine Prüfungsangst, die sie in dieser Form nicht kannte. Ängste konnte sie an sich gut verdrängen, aber diese Versagensangst ließ sich nicht beiseite schieben. Sie entschied sich also für eine Psychologin, die neben dem Test auch ein Gespräch anbot, welches bei der Auswertung berücksichtigt würde. Diese zusätzliche Möglichkeit zu zeigen, was sie konnte, beruhigte sie. Somit überwand sie ihre Angst vor dem Test, erzählte aber niemandem davon, weil sie nicht als Aufschneiderin oder Hochstaplerin abgestempelt werden wollte.
Das Ergebnis kennen Sie: hochbegabt.
