Kapitel 1.3.
1. Rund um den IQ-Test – ein Erfahrungsbericht
1.3. Mit der Hochbegabung neue Ziele setzen und durchstarten
Sie hatte 38 Jahre mit der Gewissheit gelebt, dass sie faul war, dass sie sich ihre Existenz mit den schlechten schulischen Noten versaut, dass sie viele Fehler hatte und nichts wirklich konnte. Außer Fußball spielen und der Eigenschaft, niemals aufzugeben, fiel ihr nichts Positives über sich ein. Sie fühlte sich in der Gesellschaft und in ihrem Umfeld nie richtig aufgehoben, hatte ursprünglich ganz andere Ideen, bis man ihr klarmachte, dass das Leben kein Wunschkonzert ist und man sich an Regeln zu halten habe.
Eine Regel hieß: Du musst exzellent sein, um bestimmte Berufe zu erlernen. Leider gehörten ihre Wunschberufe dazu, sodass sie sie ad acta legte, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Sie begrub ihre Träume: Journalistin, Schauspielerin, Wissenschaftlerin.
In der Schule kam sie gut mit. Mit den mündlichen Noten konnte sie die schlechten schriftlichen ausgleichen. Trotzdem hatte sie eher durchschnittliche Zeugnisse, war nie oben oder ganz vorn – dafür reichte es nicht. So kam es, dass sie kein Abitur machte, sondern einen Realschulabschluss mit anschließender Fachoberschule. Über den zweiten Bildungsweg konnte sie ihre Liebe zur Mathematik aufrechterhalten und Bauingenieurin an der Fachhochschule studieren.
Jahre später stand sie mit dem Testergebnis in der Hand da und verstand die Welt nicht mehr. Die Freude auf der einen Seite konnte die Zweifel auf der anderen nicht besänftigen – und sie fing schon wieder an, sich Vorwürfe zu machen, denn sie glaubte immer noch, dass sie sich ihr Leben durch Faulheit versaut hatte.
Dieses Gefühlschaos legte sich nicht, und sie musste etwas tun. Sie wollte analysieren, warum sie im Leben immer aneckte und so viele Schwierigkeiten hatte.
Also suchte sie Bücher, die ihr bei der Aufarbeitung und Verarbeitung helfen sollten. Sie fand keine hundert oder tausend, sondern: ein Buch. Ein Buch über hochbegabte Erwachsene, das all ihre Fragen beantworten sollte. Doch es diente lediglich der ersten Information, gab nur auf wenige Fragen eine Antwort.
Auch im Hochbegabtenverein Mensa e. V. traf sie auf Hochbegabte, die ratlos vor ebendiesen Fragen standen. Sie entschloss sich, Informationen zu sammeln. Wenn es noch kein Buch gab, das ihr helfen konnte, dann würde sie eben eins schreiben. Sie wollte ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu Papier bringen, um sich und anderen Hochbegabten zu helfen.
Da die Gehirnforschung jahrzehntelang vernachlässigt wurde, gab es auf diesem Gebiet nicht viel zum Thema Hochbegabung; doch diese Erkenntnisse erklärten schon viele Abläufe. Neben der Recherchearbeit wollte sie nicht ruhig dasitzen und warten, und so schrieb sie sich bei einer Universität ein, mit dem Diplomabschluss der Fachhochschule hatte sie die Berechtigung für ein Universitätsstudium erlangt. Sie dachte, dass sie mit Intelligenz mindestens zwei Studiengänge in der Zeit von einem schaffen müsste, und so lernte sie und kam gut voran. Allerdings hatte sie mehr Spaß daran, sich die Inhalte anzueignen als auf die Prüfungen hinzuarbeiten. Wieder waren nicht Transferleistungen gefragt, sondern stures Auswendiglernen – und damit hatte sie ein Problem, seitdem sie denken konnte. Hochbegabte würden doch sicher nicht viel lernen zu müssen, um sich Inhalte zu merken? Aber auf diese Weise kam sie nicht weit, und sie fing an, am Ergebnis des IQ-Tests zu zweifeln. Sie setzte sich so unter Druck, dass sie weniger schaffte als vorher, und hatte das Gefühl, alles falsch zu machen. Vor allem war da der Gedanke, dass durch die späte Entdeckung der Hochbegabung alles vorbei sei und durch die Versäumnisse der ersten Jahrzehnte die Vorteile einer Hochbegabung nicht mehr genutzt werden könnten. Wie viel Wissen hätte sie sich aneignen können, was hätte sie alles studieren können! Dass sie das Verpasste niemals mehr würde aufholen können, machte sie unendlich traurig. Denn dass das Lernen im Alter immer schwieriger wurde, galt wahrscheinlich auch für Hochbegabte. Sie musste sich damit abfinden, dass sie mit der Hochbegabung ihre Zukunft beeinflussen, aber nicht ihr Leben wieder auf “Start” stellen konnte.
In dieser Zeit lebte sie in einem luftleeren Raum und schwebte vor sich hin. Das Leben lief an ihr vorbei. Immer wieder fragte sie sich, warum sie es als Kind nicht geschafft hatte, sich etwas beizubringen, um so auf sich aufmerksam zu machen. Dann hätten doch alle sehen müssen, dass sie hochbegabt war und dass man mit ihr anders umgehen musste. Eine angemessene Förderung bekamen Kinder, die sich das Lesen allein beibrachten. Warum hatte sie das nicht fertiggebracht?
Sie erinnerte sich, dass sie als Kind traurig war, wenn die anderen nicht mit ihr lernen wollten. Wenn sie wissen wollte, wie ein Kühlschrank funktionierte, interessierte das keinen, und wenn doch, dann wurde ihr ein Buch geschenkt, mit dem sie sich allein beschäftigen sollte. Oft saß sie im Zimmer und hatte keine Lust, in diesem Buch zu lesen. Hatte sie trotzdem darin nach einer Antwort gesucht und dann freudestrahlend ihr Wissen verkündet, interessierte es wieder keinen, oder die Erwachsenen verstanden nicht, was sie ihnen erzählte. Da keiner da war, den es interessierte, legte sie das Buch irgendwann beiseite. Denn sie verstand nicht alle Informationen und hätte jemanden gebraucht, der ihr die Zusammenhänge erklärte und der sich mit dem Thema auseinandersetzte.
Womit sich 30 Jahre später ein Kreis schloss, denn auch in der aktuellen Situation hatte sie viele Fragen, die ihr keiner beantworten konnte. Dieses eine Buch über erwachsene Hochbegabte war hilfreich, aber nur für den ersten Moment.
Wie als Kind lebte sie auch jetzt in einer Gesellschaft, zu der sie keinen Zugang bekam. Ihr fehlte eine entscheidende Information – eine Bedienungsanleitung für das Leben. Es blieb dunkel im Zimmer, sie fand den Lichtschalter nicht.
Zusätzlich belastete sie das Gefühl, jahrzehntelang ein falsches Leben gelebt zu haben. Sie hatte sich eine äußere Schale zugelegt, um gesellschaftsfähig zu sein. Mit der Kenntnis der Hochbegabung legte sie diese äußere Schale nun ab. Ihr ungeschütztes Innenleben kam zum Vorschein. Wenn sie auch nicht wusste, wie dieses Leben funktionierte, so konnte sie doch Antworten auf ihre Fragen suchen und ihr Leben neu bewerten.
In dieser Zeit fehlten ihr gültige Bewertungskriterien.
- Was bedeutet es beispielsweise, wenn man komplexe Zusammenhänge schnell erfassen kann?
- Wer definiert, was komplex ist?
- Wer legt fest, was schnell und was langsam ist?
- Wer ist in der Lage, diese Entscheidungen zu treffen?
- Ist das von Fall zu Fall unterschiedlich oder gibt es eine Skala, an der das Ergebnis abgelesen werden kann?
- Das komplexe Denken ist lediglich eine von vielen Eigenschaften, die Hochbegabten nachgesagt wird – wie ist es mit den anderen Eigenschaften?
- Ist das alles eine Ermessenssache?
Hund und Katze wedeln beide mit dem Schwanz, aber es sind völlig gegensätzliche Verhaltensweisen. Beim Hund bedeutet es Freude und Spiel, bei der Katze Angriff und Gefahr.
Wie ein Hund unter Katzen fühlte sie sich zum Beispiel, wenn es um Wissensspiele ging. Die spielte sie für ihr Leben gern, aber nur mit mehreren Lexika und dem Duden, die sich neben ihr auf dem Tisch türmten. Bis sie alles sortiert hatte und bereit für die erste Frage war, wollte keiner mehr mit ihr spielen. Aber beim Spielen blieben sonst so viele Fragen offen, die sie am liebsten geklärt hätte – gleich, sofort. Doch ihre Mitspieler teilten dieses Interesse nicht, und so verlor entweder sie oder die Mitspieler die Lust am Spielen. Hing das auch mit der Hochbegabung zusammen? Konnte sie damit ihr kompliziertes Leben erklären? Oder machte sie es sich zu einfach?
Sie hatte Schwierigkeiten mit vermeintlich leichten Aufgaben, hörte Sätze wie “Mensch, so blöd kann man doch nicht sein” oder “Das weiß man doch”. Diese Sätze bekam sie in der Schule, in der Freizeit und in der Familie gesagt. Wie konnte sie hochbegabt sein, wenn jeder sie für dumm hielt?
Erzählte sie etwas, wurde sie oftmals wegen ihres vorauseilenden und sprunghaften Denkens kritisiert. Sie nahm an, dass keiner sie verstand, weil sie nicht genug erklärte oder ausholte, denn wenn andere erzählten, verstand sie immer. Nur sie war nicht in der Lage, so zu berichten, dass sie verstanden wurde. Hing das auch mit der Hochbegabung zusammen?
Sie widersetzte sich der Alltagsroutine und weigerte sich grundsätzlich, wenn es hieß: “Das macht man so”. Deshalb wurde sie als Querkopf, frech, unsozial und schlecht erzogen beschimpft. Konnte das an der Hochbegabung liegen?
Aufgrund ihres starken Gerechtigkeitssinns war sie in der Grundschule und in den ersten Jahren auf dem Gymnasium Klassensprecherin – ansonsten verstand jedoch kaum jemand, warum sie sich aufregte, wenn sie doch nichts ausrichten konnte. Für sie war das kein Grund, tatenlos zuzusehen. Sie trat für die Gerechtigkeit ein, gleich, welche Erfolgsaussichten sie hatte. Es ging für sie ums Prinzip, nicht um das Rechthaben. Ungerechtigkeit sollte sich keiner erlauben, nur weil er in der stärkeren Position war. Hing das auch mit der Hochbegabung zusammen?
