Manon García – Autorin, Coach und Trainerin

Hochbegabung bei Erwachsenen

Kapitel 1.7.

1. Rund um den IQ-Test – ein Erfahrungsbericht

1.7. Mit der Hochbegabung leben

Nun ging es darum, ihr Leben neu zu gestalten. Dafür legte sie jede einzelne Stufe, jede Entwicklung auf den Prüfstand. Was hatte sie für sich und was für andere getan? Was hatte sie warum erledigt, und wollte sie das heute noch? Es stellte sich heraus, dass fast alles auf einem falschen Selbst aufbaute. Sie wollte das Leben mit dem falschen Selbst nicht mehr leben und änderte es gründlich. Freunde, Beruf, Hobbys, Studium, einfach alles wurde überprüft. Bei der Umsetzung passte sie auf, um die alten Fehler nicht noch einmal zu begehen.

Heraus kam also ein neues Leben. Sie lernte nicht mehr für andere. Sie lernte nur noch Dinge, die sie lernen wollte, weil es ihr Spaß machte, diese Dinge zu lernen. Sie arbeitete nun in Bereichen, die sie für sinnvoll erachtete, und nicht mehr für Anerkennung und Akzeptanz. Sprangen Lob und Anerkennung bei einer Arbeit heraus, freute sie sich, aber sie waren nicht mehr der Motor ihrer Motivation. Sie wollte selbstbestimmt durchs Leben gehen, ungeachtet der Statussymbole wie Wohneigentum, Schweizer Nummernkonto, Sportcoupé oder Top-Beruf, die sie haben würde – oder auch nicht. Sie spürte, dass diese Dinge nicht mehr wichtig waren. Eine tiefe, innere Befriedigung über ihr neues Leben entschädigte sie für vieles. Sie aktivierte ihren Eigenantrieb und entwickelte Selbstliebe. Sie gestaltete sich und ihr Leben von Grund auf neu.

Allerdings dauerte es eine Weile, bis sie überhaupt wusste, was ihr wichtig war. Denn die Frage: “Was will ich?”, hatte sie sich selbst in den letzten Jahrzehnten nicht gestellt. Wenn jemand sie das fragte, hatte sie bewusst Dinge gewählt, die aus Sicht der anderen richtig waren und deren Anerkennung fanden. Sie hatte sich damals arrangiert, doch dieses Leben hatte sie nunmehr abgehakt. Sie wollte nur noch Dinge für sich tun; auch auf die Gefahr hin, dass sie dadurch als Außenseiterin abgestempelt wurde. Mittlerweile wusste sie, dass sie durch ihr Anderssein eine Außenseiterin war, und konnte sich mit der Situation anfreunden. Sie hatte durch ihr neues Wissen Verständnis für sich und die anderen. Sie wusste jetzt, dass sie ihren Weg gehen musste. Wenn die Menschen sie nicht akzeptierten, lag dies nicht unbedingt daran, dass sie sie nicht mochten, sondern dass sie sie unter Umständen nicht verstanden, was für sie ein großer Unterschied war. Sie hatte zuvor nicht unterscheiden können, dass vielleicht ihre Taten abgelehnt wurden, aber nicht sie als Person. Außerdem war es ein schönes Gefühl, das Leben selbst zu bestimmen. Sie überlegte jeden Morgen, wozu sie Lust und Laune hatte, und tat das auch. Dies war nicht immer effektiv und erfolgreich, aber es war ihr Weg. Sie verzichtete bewusst darauf, Erfolge einzuheimsen. Sie wollte etwas schaffen, worauf sie stolz sein konnte. Kein Abschluss, kein Zertifikat hatte ihr bisher das Gefühl gegeben, stolz auf sich sein zu können. Erst seit sie ihre eigenen Wünsche verfolgte und ihre Ziele auch erreichte, kannte sie dieses Gefühl. Sie lernte, auf etwas stolz zu sein, auch wenn sie die Einzige war, die es gut fand. Sie lernte, sich unabhängig von anderen Meinungen zu entscheiden, und spürte jedes Mal eine innere Genugtuung.

Im Grunde genommen lebte sie jetzt das Leben, das sie sich als kleines Kind gewünscht hatte. Nicht alles konnte in Erfüllung gehen, auf manches verzichtete sie; aber die Dinge, die sie jetzt tat, wollte sie schon als Kind machen. Indem sie in ihre Kindheit zurückging und überlegte, was sie sich wünschte und welchen Beruf sie ausüben sollte, fand sie heraus, was sie wirklich wollte. Sie fing an, ihre Kinderträume weiterzuträumen, und bemerkte, dass die Träume von damals noch aktuell waren.

Eine wichtige Erkenntnis war: Sie musste lernen zu lernen. Sie war immer davon ausgegangen, dass man einen Sachverhalt entweder von allein versteht oder eben nicht. Sie kannte nicht die Freude, sich mit Herausforderungen zu beschäftigen. Es gab nur schwarz und weiß. Entweder konnte sie eine Sache auf Anhieb oder gar nicht. Es gab nichts dazwischen. Sie musste erst lernen, sich Dinge anzueignen, die ihr anfangs zu schwierig erschienen. Bald merkte sie, dass gerade die Herausforderungen das Salz in der Suppe sind. Es machte ihr zunehmend Spaß, Herausforderungen anzunehmen und sie zu meistern. Sie lernte, mit Herausforderungen umzugehen. Sie verstand, dass sie nur vorankommen konnte, wenn sie sich neuen Herausforderungen stellte. Herausforderungen mögen schwer erscheinen, sind aber zu schaffen. Wenn sie nun vor einer Aufgabe saß, an der sie schon verzweifeln wollte, sagte sie sich, dass das eine Herausforderung sei, vor der sie nicht kneifen dürfe. Sie nahm die Herausforderung an und erkannte, dass sie jede Aufgabe schaffen konnte. Es dauerte manchmal länger und manchmal kürzer, aber sie bewältigte sie alle. Durch Herausforderungen wachsen Menschen von Tag zu Tag. Auch als Erwachsener kann man lernen und sein Gehirn verbessern. Man muss auf nichts verzichten, nur weil man eventuell später mit dem Lernen anfängt. Es dauert etwas länger, aber das Ziel ist erreichbar. Ihr ging es so, dass sie sich als Erwachsene Dinge beibrachte, die anderen in der Kindheit oder während der Schulzeit gezeigt werden. Ebenso eignete sie sich Lernstrategien zur Erleichterung des Lernens an.

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