Manon García – Autorin, Coach und Trainerin

Hochbegabung bei Erwachsenen

Vorwort

Vorwort: Wieso, weshalb, warum?

 

Ein Hund lebte seit seiner Geburt mit Katzen zusammen. Er wuchs als Katze auf, obwohl alle anderen so anders aussahen, sich anders verhielten und ihn anfauchten, wenn er bellte. Der Hund ahmte die Katzen nach und passte sich ihnen an. Doch wenn sie schnell auf einen Baum kletterten, mühte er sich ab und musste sich am Ende doch geschlagen geben. Er blieb unten, während die Katzen oben auf den Ästen saßen. Das wiederholte sich, wenn es darum ging, aus dem Stand auf den hohen Wohnzimmerschrank zu springen. Dann machte es sich der Hund am Boden gemütlich und wartete, bis die Katzen wieder zu ihm kamen. Der Hund war oft einsam. Aber er nahm es hin, dass er vieles nicht konnte und wohl ein dummer Hund war. Dann sah er andere Hunde und merkte, dass er war wie sie. Das war ein Schock! Ein Hund? Es war also normal, dass er nicht auf Bäume hochklettern und nicht aus dem Stand auf einen hohen Schrank springen konnte. Er hatte sich die ganze Zeit bemüht, Dinge zu tun, die er nicht schaffen konnte. Er war also nicht dumm, sondern anders. Aber wie verhielt sich ein Hund? Was konnte ein Hund, was waren seine Stärken? Der Hund beobachtete die Hunde und sah, dass das Hundeleben anders abläuft als das der Katzen. Nicht in allem, aber doch in gewissen Punkten. Andere Hunde gingen mit ihren Herrchen stundenlang spazieren, absolvierten Sportübungen wie Agility oder Übungen zum Dogdancing. Er hatte also viel verpasst in seinem Leben. Warum war er als Katze aufgewachsen, wo er doch ein Hund war? Er war in seiner Gruppe ein Außenseiter, denn seine Vorlieben, seine Stärken wurden von den anderen nicht geteilt. Keine Katze wollte mit ihm stundenlang herumlaufen, keine mit ihm den Hof verteidigen. Aber nun kam der nächste Schritt: Wie lebte es sich als Hund? Was war richtig, was falsch? Oder musste der Hund einfach nur lernen, seinen Instinkten zu folgen? Diese hatte er bis dahin immer verdrängt. Doch das würde nun sein Weg sein: seine Instinkte bewusst wahrnehmen und verfolgen.

Immer wieder wurde ich gefragt, wie es denn sei, als Erwachsener zu erfahren, dass man hochbegabt ist. Erklärte ich es, sah ich weiter Fragezeichen im Gesicht meines Gegenübers. Als ich diesen Zustand nach dem IQ-Test mit dem Katze-und-Hund-Vergleich verdeutlichte, verstand es jeder. Aus diesem Grund wird der Hund wiederholt im Buch auftauchen.

Durch meine Tätigkeit als Matheärztin beschäftigte ich mich mit der Förderung intelligenter, interessierter und auch hochbegabter Schüler. Zu den hochbegabten Schülern musste ich mir das Wissen erst aneignen, denn ich wusste nichts über Hochbegabung. Ich hatte sogar enorme Vorurteile, wobei die Hochbegabten alles andere als gut wegkamen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema führte dazu, dass ich vermehrt Albträume hatte. Immer öfter liefen im Traum Szenen aus meiner Schulzeit ab, die ich nicht kannte und die ein seltsames, ungutes Gefühl bei mir erzeugten. Schließlich absolvierte ich einen Intelligenztest. Das Ergebnis: hochbegabt. Nun stand ich vor meinem Leben und verstand es nicht mehr. Ich wusste nicht, warum ich so schlecht in der Schule gewesen war, warum ich nicht leichter durchs Leben kam, warum ich mich mit vielen Dingen schwer tat – und ich fing wieder an, mir Vorwürfe zu machen. Ich informierte mich über das Thema und analysierte, warum ich keine “Albertine Einstein” wurde, warum ich nicht mit drei Jahren lesen konnte, warum ich nicht wenigstens als Erwachsene durchstartete und vor allem, warum ich im Leben oft aneckte und viele Schwierigkeiten hatte.

Ich recherchierte und fand: ein Buch. Ein einziges Buch über erwachsene Hochbegabte, in dem sie sich über ihr Leben Gedanken machen. Lediglich ein Buch für Leser, die herausfinden wollen, warum niemand sie vorher “entdeckt” hat, warum man selber nicht in diese Richtung dachte und was jetzt geändert werden könnte. Selbst im Hochbegabtenverein Mensa e. V. gibt es viele Mitglieder, die diese Fragen haben – und keine Antworten darauf. Mein Entschluss formte sich, eigene Erfahrungen und das recherchierte Wissen niederzuschreiben, um anderen Hochbegabten zu helfen.

“Sind Sie noch Katze oder schon Hund?” erklärt die Hochbegabung, indem es sich an der spät erkannten Hochbegabung orientiert. Es greift nicht nur die Probleme spät erkannter Hochbegabter auf, sondern erklärt Besonderheiten und gibt Tipps für das Leben mit ihr. Durch die grundsätzlichen Ausführungen über die Hochbegabung ist das Buch ebenfalls für Eltern mit hochbegabten Kindern geeignet.

In diesem Buch zeige ich auf, warum es sein kann, dass ein hochbegabter Mensch nicht erkannt wird; warum ein hochbegabter Mensch in der Kindheit gefordert und gefördert werden muss; warum die Selbstliebe eine genauso große Rolle spielt wie die Leistungsmotivation. Ein Genie kann sich nur entwickeln, wenn sein Umfeld die Grundlagen für diese Entwicklung legt. Fehlt diese Unterstützung, werden Hochbegabte heranwachsen, die keiner als solche erkennt. Es kann wie ein Erdbeben sein, wenn ein Erwachsener erfährt, dass er hochbegabt ist. Trotzdem ist diese Erschütterung besser, als weiterhin als Außenseiter zu leben und nicht zu wissen, warum. Natürlich sind nicht alle nicht erkannte Hochbegabte Außenseiter, und nicht jeder hat Probleme. Viele arrangieren sich, werden akzeptiert oder verdrängen ihre Gefühle, kommen im Leben damit gut zurecht.

Menschen, die erst spät von ihrer Hochbegabung erfahren, kommen oftmals durch Zufall auf diese Erkenntnis. Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Erwachsener einen Intelligenztest absolviert:

  • Sein Kind oder die Kinder wurden getestet und sind hochbegabt. Die Eltern sehen bei ihnen Ähnlichkeiten zu ihrer Kindheit und fragen sich, warum das so ist.
  • Ein Erwachsener fühlt sich als Außenseiter und hat den Drang, einen Test zu absolvieren, um seine Andersartigkeit zu erklären.
  • Bei einigen Studiengängen gehören Intelligenztests zur Ausbildung. Hierbei entdecken nicht wenige ihre Hochbegabung.
  • In Kliniken wird immer häufiger ein Intelligenztest durchgeführt, wenn keine Erklärungen für eine Erkrankung vorliegen.
  • Ein Mensch erbringt in seinem Leben Höchstleistungen und möchte wissen, ob er hochbegabt ist.

Erwachsene, die von ihrer Hochbegabung erfahren, reagieren unterschiedlich darauf – von Gleichgültigkeit bis zur Schockstarre kommt alles vor. Ihre Reaktion wird auch davon beeinflusst, wie ihr Umfeld mit der Hochbegabung, Förderung und Forderung sowie Leistungen umgeht.

Viele Menschen, bei denen eine Hochbegabung erkannt wurde, werden von einem Gefühlschaos überwältigt. Sie hinterfragen ihre Identität und verzweifeln an unbeantworteten Fragen. Nach dem Testergebnis scheint nichts mehr so zu sein, wie es war. Erreichtes und Erfolge werden genauso hinterfragt wie Misserfolge. Vielleicht stellen Sie sich ähnliche Fragen?

  • Sind meine Erfolge überhaupt noch als solche einzuordnen, wenn ich jetzt hochbegabt bin?
  • Hätte ich nicht viel mehr oder ganz andere Leistungen erbringen müssen?
  • Wieso hat keiner meine Hochbegabung entdeckt?
  • Warum war ich so schlecht in der Schule?
  • Warum habe ich nicht studiert oder promoviert?
  • Warum verstehe ich dann so oft nur “Bahnhof”?
  • Wieso bin ich kein Überflieger?

Das Buch nähert sich dem Thema in fünf Schritten. Im Kapitel “Rund um den IQ-Test – ein Erfahrungsbericht” zeige ich, wie ich das Testergebnis erfuhr und damit umging.

Im Kapitel “Hochbegabung – was heißt das?” werden verschiedene Begrifflichkeiten erklärt. Wie lässt sich Hochbegabung definieren? Wie werden Leistungen und Erfolge von Hochbegabten bewertet? Warum ist die Motivation für Leistungen notwendig? Wie werden aus Hochbegabten Minderleister? Warum spielt beim erfolgreichen Lernen wiederum die Motivation eine wichtige Rolle?

Im Kapitel “Wie wir wurden, was wir sind” werden die unterschiedlichen Einflüsse geschildert, die sich auf die Persönlichkeitsentwicklung und Identität auswirken.

Wie mit der Hochbegabung umgegangen werden kann, erfahren Sie im Kapitel “Umgang mit der Hochbegabung”, und im letzten Kapitel, “Mit der Hochbegabung leben”, gehe ich unter anderem auf Authentizität sowie auf Lernstrategien ein.

Zweifel und Ängste sind bei spät erkannten Hochbegabten teilweise stark ausgeprägt. Eine Identifikation mit der Hochbegabung ist wichtig, um Informationen auf sich zu übertragen, um sich ernst zu nehmen und sein Selbstbild zu verbessern. Erst wenn Hochbegabte sich selbst akzeptieren, werden sie auch von ihrer Umwelt akzeptiert. Andersherum funktioniert es (leider) nicht. Die Stärke eines Menschen kommt von innen, und innere Stärke wird nicht am Lob der anderen gemessen. Innere Stärke wird durch das Eigenlob aufgebaut, welches viele (spät erkannte) Hochbegabte erst Schritt für Schritt erlernen müssen.


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